Search
|
ee

Das Õ

Stichwörter: der Buchstabe Õ, der Laut Õ, Otto Wilhelm Masing, Orthographie, Sprachplanung

Der Anfang des 19. Jahrhunderts durch Otto Wilhelm Masing (1763–1832) ein­geführte Buchstabe Õ ist das orthografische Element, welches in der estnischen Lingu­istik und in der Öffentlichkeit stets die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. 2016 wurde das 200-jährige Bestehen des Õ-Zeichens mit einer wissenschaftlichen Konferenz gefeiert, und 2020 wurde auf Saaremaa eine fünf Meter hohe Õ/Ö-Grenzmarkierung eingeweiht, um die Variation der Aussprache innerhalb des Sprachgebiets zu kennzeichnen.

Der Artikel befasst sich mit der Entstehungsgeschichte des Õ-Zeichens und dessen Verbreitung in schriftlichen Texten des 19. Jahrhunderts. Übergeordnetes Ziel des Artikels ist es, durch die Entstehungsgeschichte des Õ-Zeichens die tieferen Hinter­gründe des Zeichens zu erschließen, neue Forschungshorizonte aufzuzeigen und Forscher zu ermutigen, einen Blick auf bisher unerforschte Phänomene und Entwicklungen in der Schriftsprache zu werfen.

Bei der Einführung des Õ handelt es sich um eine Frage der Sprachpflege, welche eine durch äußere Faktoren hervorgerufene sprachliche Veränderung darstellt. Zur Ausführung kam diese vor allem als Ergebnis der entschlossenen Bemühungen von Masing und Johann Heinrich Rosenplänter. Andererseits ging es bei der Schaffung des Õ nie allein darum, einem Vokal eine visuelle Form zu geben. Vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des Õ-Zeichens lässt sich erkennen, dass das Õ als Vokal eines der Unterscheidungsmerkmale zwischen „uns“ und „euch“ (estnisch- vs. deutschsprachig) war, ein Kennzeichen estnischer Sprachkompetenz und estnischer Identität. In der Entstehungsgeschichte des Õ spiegelt sich zudem die Bedeutung der damaligen gedruckten Literatur (Journalismus, Bildungsliteratur) bei der Einführung des Õ-Zeichens wider, auch wenn es noch Jahre oder Jahrzehnte dauerte, bis sich das Zeichen im schriftlichen Gebrauch durchgesetzt hatte – was vor allem auf technische Gründe zurückzuführen war. Heutzutage hat sich die Debatte über das Õ um identitätsstiftende Aspekte erweitert: Das Õ ist eines der Kennzeichen und Sinngeber für sprachliche und gemeinschaftliche Identität, lokale Geschichte und das kollektive Gedächtnis. Auf Saaremaa hingegen ist das Gegenteil zu beobachten: Hier wird Identität gerade durch den Verzicht auf das Õ-Zeichen und die Verwendung des Ö-Zeichens an dessen Stelle geschaffen. Die Hervorhebung des Ö erzeugt eine Unterscheidung und einen Gegensatz zum Õ, zu den Sprechern der Standardsprache und zum estnischen Festland, grenzt ein geografisches Gebiet ab und kon­struiert ein lokales Image.

 

Kristiina Praakli (geb. 1977), PhD, Juniorprofessorin für Angewandte Linguistik am Institut für Estnische und Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Tartu (Jakobi 2, 51005 Tartu), kristiina.praakli@ut.ee

Taavi Pae (geb. 1976), PhD, Juniorprofessor für Estnische Geographie am Institut für Ökologie und Geowissenschaften der Universität Tartu (Vanemuise 46, 50410 Tartu), taavi.pae@ut.ee